Untersuchung

Hannover, Bleekstraße, Landesbildungszentrum für Blinde, Haus R, Dachgauben
Restauratorische Bestands- und Zustandserfassung 2002

Material: Ziegel mit Verputz und verschiedenen Fassungen
Datierung: Ende 19. Jahrhundert

Die Dachgauben befinden sich an der Süd- und Ostfassade des Hauses im zweiten Obergeschoss.
Der architektonische Aufbau der Gauben wird vorgegeben von den Fensteröffnungen. Die Fensterleibungen sind außen von je einem Pilaster mit eingestellter Dreiviertelsäule, im unteren Bereich des Säulenschaftes mit Blattmotiven verziert, begrenzt. Es handelt sich um einfache Kandelabersäulen.
Die westliche Gaube zeigt drei Pilaster bzw. Säulen, zwischen den Fenstern befindet sich die dritte.
Auf beiden Außenseiten wird jede Gaube von Voluten begrenzt. Die Voluten setzten sich ursprünglich entlang der Seitenwangen nach oben fort und endeten in einer kleinen Volute auf Höhe der Kämpferzone der eingestellten Säule.
Oberhalb der Fenster verläuft ein Architrav, der auf der Kämpferzone der Säulen aufliegt. Darüber befindet sich ein Triglyphenfries mit Medaillons. Den oberen Abschluss der Gaube bildet ein Dreiecksgiebel.

Pilaster, Ziegelkern mit Mörtel ummantelt Kernmörtel, Romancement, Portlandzement als Reparatur Rezente und historische Fassung (rechts) Trennung von zwei Formteilen

Bestand und Werktechnik:
Als Trägermaterial der Fassade und der Dachgauben wurden Ziegel verwendet. Der Fachwerkaufbau des Obergeschosses besteht aus Holzbalken und -trägern sowie Ziegel als Füllmaterial der Gefache. Der Außenputz wird durch ein Rabitzgewebe getragen. Die Dachgauben bestehen im Kern vermutlich ebenfalls aus Ziegeln. In den unteren Bereichen gab es einige Fehlstellen in der Oberfläche, so dass das Ziegelmaterial im Kern erkennbar war. Über dem Ziegelkern bestehen die aus Putz gefertigten Architekturelemente der Dachgauben aus mehreren Mörtelschichten. Der graue Kernmörtel reicht bis ca. 1 cm unter die Architekturoberfläche. Er wird teilweise durch Eisenarmierungen im Inneren verstärkt. Der darüberliegende Mörtel unterscheidet sich vom Kernmörtel in seiner Farbigkeit mit einem teilweise bröunlichen Farbton. Er besitzt eine Stärke von ca. 0,5 bis 1 cm. In einigen Bereichen konnte ein dritter Mörtel ermittelt werden, der auf der zweiten Schicht liegt. Er ist dunkelgrau und war nicht durchgehend feststellbar. Hierbei handelt es sich vermutlich um einen Reparaturmörtel, der auf schadhafte Stellen aufgetragen wurde. Bei allen Mörteln handelt es sich um Zementmörtel mit hohem Bindemittelanteil und einem relativ geringem Anteil von Zuschlag, dessen Körnung bei allen untersuchten Mörteln im mittleren Bereich liegt. Lediglich der Kernmörtel weist Zuschlag bis zu 3 cm auf. Bei der zweiten Mörtelschicht könnte es sich um Romancement handeln, ein Kalk-Zementmörtel mit hydraulischem Anteil. Bei der dritten Mörtelschicht, dem grauen Reparaturmörtel handelt es sich vermutlich um Portlandzement. An der Oberfläche trägt die Fassade einen rezenten Dispersionsanstrich, der kaum wasserdurchlässig ist. Unter diesem Anstrich konnten an wenigen Stellen Reste einer älteren braunen Farbfassung festgestellt werden. Diese Fassung liegt sehr dünn direkt auf der Putzoberflä,che auf. Bei der Herstellung der oben beschriebenen Bereiche handelt es sich vermutlich um eine Mischform aus Guss- und Antragtechnik. Vermutlich wurden Zierteile wie Säulen und Voluten vorgefertigt und an der Baustelle montiert. An den Säulen lässt sich der Herstellungsprozess am besten ablesen. Sie bestehen aus einem Stück ohne Bau- oder Gussnaht. Der Kernmörtel ummantelt ein Eisenrohr, das zur Verstärkung eingesetzt wurde. Die abschließende Schicht besteht aus der oben beschriebenen zweiten dünneren Putzschicht. Man kann davon ausgehen, dass in eine Negativform der Säule zunächst der äußere Mörtel gegossen wurde. Anschließend wurde die Form bis zur Hälfte mit dem Kernmörtel vergossen, bevor die Armierung eingesetzt und die Form aufgefüllt wurde. In einem Bereich der Kämpferzone zwischen Pilaster und Säule ist eine diagonal verlaufende Trennung zweier Teile erkennbar, die darauf hin deutet, dass dieses Bauteil in zwei Teilen gefertigt und vor Ort zusammengebaut wurde. Bauteile wie z. b. die profilierten Fensterleibung wurden vermutlich vor Ort mit dem Profil gezogen und Flächen angeputzt.

Große Fehlstelle im Bereich eines Pilasters Ablösung und Verformung Kandelaber mit
vertikalem Riss
Aufblättern des Kernmörtels
Sockel einer Volute mit Rissbild Stark korrodierte Armierungen Abplatzende und aufrollende Fassung Mikrobieller Bewuchs

Zustand:
Im unteren Bereich der Gauben, direkt über dem Gesims, lässt sich eine durchgehende verdunkelte feuchte Zone feststellen, die, abhängig von der Witterung, 2-5 cm einnimmt. An allen Gauben sind Fehlstellen unterschiedlicher Herkunft und Größe zu beobachten. Sie liegen hauptsächlich im unteren Bereich der Pilaster und Voluten sowie an den Säulen vor. Es handelt sich hierbei überwiegend um Abplatzungen von Mörtel, so dass darunterliegende Ziegel oder die Armierungen zum Vorschein kommen. In zwei Bereichen der Pilaster sind Bohröcher zu erkennen, in denen teilweise noch Dübel stecken. Die Fortsetzungen der seitlichen Voluten nach oben ist nur noch an zwei Gauben erkennbar. Ausbrüche wurden vor allem durch den Ausbau der Fenster an der Südfassade verursacht. In einigen Bereichen sind oberflächenparallele Abhebungen von Mörtelschichten feststellbar. Diese sind zum Teil nur wenige Millimeter stark, es sind aber auch Ablösungen von einigen Zentimetern zu beobachten, wobei es zur Verformung von ganzen Bauteilen kommt. In vielen Bereichen ist eine starke Rissbildung zu beobachten. Bei zwei Gauben handelt es sich um feine Risse, die zum Teil durch den Anstrich kaum erkennbar sind. Bei den anderen Gauben handelt es sich dagegen zum Teil um Risse von bis zu 2 cm Breite, die als gravierend einzustufen sind. An den meisten Bereichen, an denen der Kernmörtel frei liegt, ist festzustellen, dass er aufblättert. Wenn zudem Feuchtigkeit eindringt, wird er sehr weich. Die Adhäsion zum darüberliegenden Mörtel ist an einsehbaren Bereichen ebenfalls kaum noch gegeben. In allen Bereichen, an denen die Eisenarmierungen offen liegen, ist starke Korrosion zu verzeichnen. Hierbei handelt es sich um eine Hauptschadensursache. Aufgrund des Ausdehnungsprozesses des Metalls bei der Korrosion entstanden Risse, die zum Teil so eng beieinander liegen, dass einige Putzfragmente keine Haftung mehr zum umgebenden Mörtel haben. In einigen Bereichen sind dadurch statische Probleme entstanden, da sich ganze Bauteile voneinander lösen. Besonders an der Ostseite liegt starker mikrobieller Bewuchs vor. Der jetzige Anstrich ist weitgehend schadhaft. Der Farbanstrich ist offensichtlich zu spannungsreich. Farbschollen rollen sich auf, einige Bereiche sind bereits abgelöst bzw. abgeplatzt. Der Zustand des Anstrichs führt dazu, dass Feuchtigkeit ungehindert in die Fassade eindringen jedoch nur unzureichend diffundieren kann. Eingetretenes Wasser bzw. Wasserdampf wird nur langsam wieder an die Oberfläche transportiert. Vor allem in den feuchtigkeitsbelasteten unteren Bereichen quillt so der Mörtel auf.

Kartierung der Schäden Kartierung der Schäden

Abschließend zur Untersuchung wurden ein Bericht und eine Kartierung der Schäden erstellt. Zudem wurde ein Restaurierungsvorschlag unterbreitet.