Gips/Kalk/Zement

Quedlinburg, Münzenberg, ehem. Klosterkirche St. Marien, Westbau, Fußboden
Restaurierung 2011

Material: Hochbrandgips (Gipsestrich)
Datierung: Mittelalter

Das ehemalige Kloster St. Marien auf dem Münzenberg bei Quedlinburg wurde 986 gegründet. Die Weihe der Klosterkirche erfolgte 995. Sie wurde in ihrer Nutzungszeit bis zur Reformation mehrfach teilzerstört, wiederhergestellt und umgebaut. Während der Reformation wurde das Kloster aufgehoben, der Münzenberg wurde Ende des 16. Jahrhunderts zur Neubesiedlung freigegeben. Kloster und Kirche verfielen und wurden im Laufe der Jahre mehrfach überbaut. Heute befinden sich auf den Grundmauern der Klosterkirche 12 Häuser, zwischen und unter denen sich Teile des Baubestands der Kirche finden. Die Kirche auf basilikalem Grundriss besaß im Osten einen Chor mit halbrunder Apsis. Der Westbau zeigte sich als kreuzgratgewölbte Pfeilerhalle mit 15 Jochen. Seit den 1990er Jahren werden Teile der Kirchenruine wieder sichtbar gemacht. Bauforschung, archäologische Grabungen, Sanierungen, Freilegungen ehemaligen Baubestands und die Gründung eines Museums tragen zur Wiedererlebbarmachung der Klosterkirche bei. Der Westbau wurde in der Neuzeit in verschiedene Kellerräume unterteilt und ist durch eingezogene Mauern nicht mehr in seiner ursprünglichen Gestalt sichtbar. Er besaß zwei rundbogige Durchgänge zu den Seitenschiffen der Kirche. Vermutlich gab es auch einen Durchgang zum Langhaus. Zu den Außenwänden öffnen sich große Rundbogenfenster, die heute zum Teil vermauert sind. Heute ist in den südlichen neun Jochen der Fußboden bis auf den Sandsteinfelsen, auf dem die Kirche gegründet war, ausgeräumt. Nur ein kleines Fragment des Gipsestrichs ist an der Westseite des südwestlichen Pfeilers noch erhalten. In den nördlichen Jochen sind Teile des mittelalterlichen Gipsestrichs noch vorhanden.
Zum Estrichbestand wurden umfangreiche restauratorische Untersuchungen durchgeführt.

Nordjoche, Vorzustand Nordjoche, nach Reinigung Nordjoche, Vorzustand Nordjoche, nach Reinigung

Konservierung und Restaurierung des Gipsestrichs
Der Gipsestrichbestand der nördlichen Joche sollte erhalten werden. Um eine gefahrlose Begehung des Westbaus für das Museumspublikum zu ermöglichen, musste jedoch ein fester und einigermaßen ebener Untergrund geschaffen werden. Dafür sollte eine Ergänzung der umfangreichen Fehlstellen in Bestandswerktechnik erfolgen. Zur Sicherung und Konservierung des Bestands war es notwendig, lose Material bis auf stabilen Untergrund auszuräumen. Lehm, Erde, verkohlte und zersetzte Reste organischen Materials und aufgrund ihres Verwitterungsstadiums entfestigte Bruchsteine wurden entfernt. Teilbereiche wurden dabei auf Fehlstellen von bis zu 2 m Durchmesser und 30 cm Tiefe ausgeräumt. Der erhaltene Gipsestrich wurde trocken gereinigt. Auf eine feuchte Reinigung wurde aufgrund der gravierenden Entfestigung des Gipses verzichtet. Entfestigte Bereiche des Gipsestrichs wurden mit Alaunlösung gefestigt. Hohlliegende Bereiche wurden mit Gips refixiert,. Risse und kleinere Fehlstellen wurden mit einer Masse aus Alpha-Halbhydrat und Hochbrandgips ergänzt. Der Masse wurden in Annäherung an den Originalbestand Ziegelmehl und Holzkohle zugesetzt. Mit derselben Masse erfolgten Anböschungen gefährdeter Randbereiche und an Bereichen mit Höhenversatz. Die Ergänzungen wurden abschließend oberflächig leicht zurückgearbeitet, um die Oberfläche dem stark verwitterten und abgenutzten Bestand anzupassen. Die Ergänzung der großen Fehlstellen erfolgte mehrschichtig. Auf einer Sandschüttung wurde die Unterschicht, bestehend aus Hochbrandgips und Sand eingebracht. Die Deckschicht besteht aus Hochbrandgips mit Holzkohle und Ziegelmehl als Zuschlagstoffen. Auch bei diesen Ergänzungen wurde die Oberfläche zurückgearbeitet. Um einen möglichst umfangreichen Erhalt von Bestandsgipsestrich zu gewährleisten, wurde das Oberflächenniveau an die verschiedenen Bestandsbereiche angepasst. Die Orientierung erfolgte jeweils an der untersten Kante der unterschiedlichen Bestände, um die Fragmente vollständig präsentieren zu können. Diese Ausführung führt zu einem nicht einheitlichen und ebenen Fußboden. Stattdessen entstand ein organisch wirkender, an Nutzung und Alterung angepasster Fußboden, der die unterschiedlichen Niveaus des mittelalterlichen Bestands berücksichtigt und die historischen Laufwege aufnimmt.

Nordjoche, Endzustand Nordjoche, Endzustand Nordjoche, Endzustand

Teilrekonstruktion des Gipsestrichs
In den südlichen neun Jochen des Westbaus, wo der mittelalterliche Fußbodenbestand fast vollständig ausgeräumt worden ist, erfolgte eine Rekonstruktion des mittelalterlichen Gipsestrichs auf Grundlage der restauratorischen Untersuchung und der naturwissenschaftlichen Analyse. Verwendet wurde Hochbrandgips. Auf den Felsen wurde eine Sandschüttung eingebracht und gestampft. Der Aufbau des Gipsestrichs erfolgte in zwei Schichten von je 3 cm. Die Deckschicht wurde abschließend oberflächig mit der Kelle verdichtet und geglättet, um die mittelalterliche Werktechnik zu reproduzieren. Das erhaltene Estrichfragment wurde konserviert und in den neuen Bestand integriert.

Südjoche, Vorzustand Südjoche, Endzustand